Archiv der Kategorie: D – Thomasevangelium

105) Jesus: Wer den Vater und die Mutter kennt, den nennt die Welt „Sohn einer Hure“. 

Mit kaum etwas konnte man sein Leben in früheren Jahrhunderten schneller in Gefahr bringen als mit der Behauptung, dass neben unserem Vater auch noch unsere Mutter am Himmel steht, dass „männlich“ und „weiblich“ völlig gleichberechtigt nebeneinander diese Schöpfung hervorgebracht haben und bis ans Ende aller Tage tragen werden. Schimpfworte wie „Sohn einer Hure“ waren da eher noch das geringere Problem auf das Jesus hier aufmerksam macht. Auch heute noch echauffieren sich die meisten „Christen“ wenn man diese Erkenntnis unverschlüsselt in die Diskussion einbringt und damit die Grundlage aller uns bekannten christlichen Religionen und Kirchen in Frage stellt. Die Erkenntnis, dass neben dem Vater unsere Mutter am Himmel steht ist aber Teil der Offenbarung, ist Teil des Selbstfindungsprozesses den die Menschen erleben werden und somit wird dieser Spruch in Bälde nicht mehr zutreffen, denn alle Menschen werden den Vater und die Mutter erkennen!

104) Die Leute sagten zu Jesus: Komm, lass uns heute beten und fasten! Jesus aber sprach: Was für eine Sünde habe ich denn begangen? Wessen bin ich überführt? Ist der Bräutigam erst aus dem Brautzimmer gegangen, dann lasst die Leute fasten und beten.

Was für eine herrliche Situation, man möchte vor Freude laut lachen wenn man diesen Spruch liest. Alles sauertöpfige oder frömmelnde Getue, egal ob öffentliches Gebet, Fasten oder sonst eine „religiöse Handlung“ sind Jesus völlig fremd. Wer das Bedürfnis dazu hat mag es tun, in sich gekehrt und auch nur für sich alleine. Die Gemeinschaft aber lasse er damit in Ruhe, dort möge Frohsinn herrschen und voller Überschwang fragt Jesus sinngemäß: „Was soll ich verbrochen haben, dass ich derartige „Buße“ tun muss? Macht das wenn ihr erkannt habt wen ihr jetzt noch nicht erkennt, wenn ihr eure Schuldgefühle nach meinen Weggang überwinden wollt, aber lasst uns jetzt lieber Hochzeit feiern!“ Recht hat er!

103) Jesus sagte: Selig der Mensch, der weiß, wann in seinem Haus nachts die Diebe einbrechen werden! So kann er aufstehen, seine Diener sammeln und sich rüsten, ehe sie kommen.

Merkwürdige Aussagen die Jesus hier macht und um sie zu verstehen muss man erkennen, dass auch den „Menschen im Licht“ noch Gefahr durch den Widersacher droht, der immer und immer wieder versucht böse Gedanken in das Herz des Menschen zu werfen um ihn in die Irre zu leiten. Rüstet euren Verstand, bewacht eure Tore, seid allzeit auf der Hut vor dem Bösen, denn seine Verführungskünste sind vielfältig. Hat man aber die Vorgehensweise des „Satans“ durchschaut, dann weiß man eigentlich schon im Voraus wann und wie dieser wieder angreifen  wird, man kann sich darauf einstellen und ihn dann doch relativ leicht abwehren! Selig der Mensch, der um diese Zusammenhänge weiß!

102) Jesus: Wehe den Pharisäern! Denn sie sind wie ein Hund, der am Trog der Rinder liegt. Er frisst nicht, und er lässt die Rinder nicht fressen.

Keine andere Gruppe tadelt Jesus mit vergleichbar harten Worten wie er es mit den Pharisäern, den „Gottesbesitzern“, tut. Um diese Worte auch in andere Zeiten zu übertragen muss man sich unter „Pharisäer“ aber eben solche Menschen vorstellen, die, wie in allen Religionen anzutreffen, zwar das Schriftwissen besitzen, aber den Geist Gottes nicht in sich gefunden haben. Sie legen die Schriften nach ihren Vorstellungen aus und diese sehen grundsätzlich ihre eigene gesellschaftliche Vormachtstellung als wesentlich an. Statt Freiheit und innere Reifung werden Gehorsam und Demut gelehrt, Verhaltensarten die zu einem neurotisch verkrümmten Dasein führen und genau damit den Eingang in das „Reich Gottes“ verhindern. Geistige Gesundheit und Freiheit vor Gott sind das Ziel von Jesus, das genaue Gegenteil davon repräsentieren die „Pharisäer aller Zeiten und Kulturen“. Sie sind die „Gottesverhinderer“, die wahren Übeltäter auf Erden, die Hunde vor dem Trog!

101) Jesus: Wer nicht Vater und Mutter hasst wie ich, der kann mir nicht folgen. Und wer nicht den Vater liebt und seine Mutter wie ich, der kann mir nicht folgen. Denn eine Mutter brachte mich zur Welt, aber die wahre Mutter gab mir das Leben.

Wunderschön wechselt Jesus hier gedanklich zwischen den „Eltern auf Erden“ und den „Eltern am Himmel“ hin und her, benutzt wie selbstverständlich die gleichen Worte und zeigt zudem sein außerordentlich exaktes Wissen um die tiefenpsychologischen Zusammenhänge im Menschen. Um Jesus zu folgen muss man sich nämlich von den ins Über-Ich verschobenen Projektionen der irdischen Eltern befreien, muss sie regelrecht „töten“ um sich ihrem Einfluss zu entziehen und frei zu werden. Wer Jesus aber nachfolgt der findet den „himmlischen Vater“ und er findet auch die „Mutter am Himmel“, denn wir werden hier auf Erden zwar von unserer irdischen Mutter geboren, doch neben dem Vater steht unsere Mutter am Himmel und nur Sie gibt uns das wahre Leben!

100) Jesus sprach: Man zeigte Jesus eine Goldmünze und sagte ihm: Beamte des Kaisers fordern Steuern von uns. Er aber sprach zu den Leuten: Gebt dem Kaiser, was seines ist. Gebt Gott, was Gottes ist. Und was mein ist, das gebt mir!

Mit diesem genialen Satz hat Jesus eine Fangfrage seiner Häscher pariert und zugleich auf die Verschiedenartigkeit von Kaiserreich und „Reich Gottes“ aufmerksam gemacht. Das „Reich Gottes“ entfaltet sich zunächst in uns selbst, es verändert unser Denken und Fühlen und wenn es in uns fest verankert ist sollten wir uns daran machen auch die äußeren Umstände im „Reich des Kaisers“ entsprechend unseren inneren Vorstellungen umzuformen. Zunächst aber gilt es, das Licht, die Liebe und die Weisheit an die anderen Menschen weiter zu geben und dem Kaiser eben das was er verlangt, damit er Ruhe gibt. Der Spruch ist uns aus den Evangelien aber nur in der kürzeren Form bekannt: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ und so erstaunt es, dass Thomas einen weiteren kleinen Schlusssatz überliefert, der uns aber einen wunderbaren Einblick in das Wesen und das Denken von Jesus gibt. Jesus ist ein lebensfroher, euphorischer Mann der keine Gelegenheit auslässt seinen Schalk den Freunden und ein scharfes Wort seinen Feinden zu zeigen. Der Satz: „Und was mein ist, das gebt mir!“ ist so ganz nach seiner Art, er verblüfft und neckt damit seine Freunde und bringt sie damit vermutlich leicht aus der Fassung, denn sie dürften nicht gleich kapiert haben was er denn für sich beansprucht! Jesus will doch nur eines: Er will von seinen Freunden geliebt werden!

099) Die Schüler sprachen zu Jesus: Deine Brüder und deine Mutter stehen draußen. Darauf entgegnete er: Diejenigen, die den Willen meines Vaters tun, sind meine Brüder und meine Mutter. Sie sind es, die in das Reich meines Vaters eingehen werden.

Es wird an mehreren Stellen überliefert, dass das Verhältnis von Jesus zu seinen Verwandten keineswegs reibungsfrei war, sondern diese ihn am liebsten „aus dem Verkehr“ gezogen hätten. Das kann man sich nur zu gut vorstellen und auch in seinem jetzigen Leben dürfte Jesus es schwer haben, wenn er sich gegenüber seinen Verwandten einfach „outen“ würde. Sie würden ihn vermutlich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Jesus sah daher in seinen „geistigen Brüdern und Schwestern“ seine eigentlichen Verwandten, von denen er wusste, dass sie nach seiner Kreuzigung in das Reich des Vaters finden würden.

098) Jesus: Mit dem Reich des Vaters ist es wie bei einem Mann, der einen Edlen umbringen wollte. Im eigenen Haus zog er das Schwert und durchstieß die Wand, um seine Kraft auszuprobieren. So brachte er den Edlen um.

So wie der Spruch überliefert ist erscheint seine Logik verquer, denn mit der Art dieses Mannes wird man kaum das „Reich Gottes“ errichten können. Mit „Reich des Vaters“ dürfte Jesus aber auch die Zusammenhänge des Unbewussten allgemein gemeint haben und unterstellt man, dass der Mann unbewusste Tötungsabsichten gegenüber dem Edlen in sich trug so wird der Spruch verständlich. Gutes und Böses ringen um den Mann, Gott und der Satan kämpfen um ihn, aber wer tief im Unterbewusstsein einen Mord plant dem geschieht danach. Der Mann mag das Schwert in diesem Moment aus anderer Absicht geschwungen haben, ja er sah den Edlen hinter der Wand gar nicht, aber es fügte sich „nach seinem Glauben“ und er brachte den Edlen um. Wer je eine solche Situation erlebt hat, dass sich auch negative Gedanken in den realen Abläufen wiederfinden lassen, der versteht was Jesus mit diesem Spruch ausdrücken will. Auf dem Weg zur Weisheit aber wird ein Mensch auch in den tiefsten Schichten seines Unterbewusstseins von negativen Gedanken gereinigt und der hier beschriebene Mechanismus außer Kraft gesetzt!

097) Jesus: Das Reich des Vaters gleicht einer Frau, die einen Krug voll mit Mehl trug. Während sie einen weiten Weg ging, brach der Henkel des Kruges ab. Im Krug entstand ein Loch, durch das auf dem Weg hinter ihr Mehl verloren ging. Die Frau merkte nichts und ahnte nichts Böses. Doch als sie ins Haus trat und den Krug hinstellte, fand sie ihn leer.

Mit diesem Spruch wird der vorangegangene Spruch umgekehrt und auf den einzelnen Menschen übertragen. Mit „Reich des Vaters“ ist jetzt der innere Reichtum gemeint auf den es gut zu achten gilt. Der Lebensweg eines Menschen kann nämlich dazu führen, dass man Pfaden folgt auf denen man diesen Reichtum nach und nach verliert und obwohl man vermeintlich guter Absicht war am Ende aber arm dasteht. Achtet auf euch und achtet auf die Wege denen ihr nachfolgt, denn das Böse ist allgegenwärtig und höhlt den Achtlosen nach und nach aus.

096) Jesus: Das Reich des Vaters gleicht einer Frau. Sie nahm etwas Sauerteig, tat ihn ins Mehl, und machte große Brote daraus. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Mit diesem Spruch erklärt Jesus seinen Jüngern seine Vorgehensweise die so ganz anders ist als sie es von „großen Eroberern“ kennen. Jesus weiß, dass er nicht alle Menschen direkt erreichen kann, aber er weiß auch, dass ein winziges Stückchen „Sauerteig“ ausreicht um den ganzen Teig zu durchdringen, dauert es auch noch so lange. Auch wenn seine Worte zunächst nur ganz wenige Menschen erreichen und innerlich „anzünden“ so sind sie doch nie mehr zu stoppen. 2000 Jahre später aber wird seine Botschaft von so vielen Menschen verstanden, dass deren Licht ausreichen wird die ganze Welt in Brand zu stecken und einen Freudensturm der Liebe auslösen werden.