Archiv der Kategorie: D – Thomasevangelium

050) Jesus sprach: Fragt man euch, woher ihr kommt, dann antwortet: Wir kommen aus dem Licht, wo es aus sich heraus entstanden ist; es machte sich auf, und erschien in vielen Bildern. Fragt man euch, wer ihr seid, dann antwortet: Wir sind seine Kinder und auserwählt vom lebendigen Vater. Fragt man nach dem Zeichen eures Vaters an euch, dann antwortet: Bewegung ist es und Unbeweglichkeit.

Das ist ein Spruch so recht nach den Herzen der „Kinder des Lichts“! Die Erkenntnisse die die „Kinder des Lichts“ haben stammen aus dem Licht dessen Ursprung Er selbst ist. Sie erscheinen in unserem Geist in mannigfaltiger und ganz persönlicher Art und Weise. Bildhaft sieht sie der Eine, in Gedankensprüngen der Andere und mancher findet vor allem durch Gefühle zur Weisheit denn jeder wird von Christus auf ganz individuelle Art zur Erkenntnis geführt. Aus dem Licht, aus Ihm selbst stammen wir und wurden von Ihm auserwählt Sein Reich auf Erden zu errichten. Wunderschön ist zudem Jesu Umschreibung unserer neuen Wesensart, dem „Zeichen unseres Vaters“: Bewegung und Unbeweglichkeit! Das klingt so unglaublich wie „federleicht und felsenfest“, aber genau so verhält es sich, denn in unserem Kern sollen wir unbesiegbare Riesen und in unserer Art so sanft wie Kükenflaum sein!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

051) Die Jünger fragten Jesus: Wann wird die Ruhe der Toten eintreten, und wann wird die neue Welt kommen? Er antwortete: Die Ruhe, die ihr erwartet, ist ja schon gekommen. Nur erkennt ihr sie nicht. 

Grundsätzlich war es auch damals schon möglich die „Ruhe“ zu finden. Jesus hat es vorgemacht und damit war der Weg zur inneren Reinheit generell aufgezeigt. Es geht aber eigentlich nicht um die „Ruhe der Toten“ sondern um die „Ruhe der Lebenden“, denn Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Hat man diese „innere Ruhe“ nämlich gefunden, dann will man gar nicht tot sein, dann will man leben und das so kraftvoll und intensiv wie möglich! Angesichts ihrer damaligen Situation war das aber für die Jünger nicht begreifbar und so erkannten sie sie auch nicht!

052) Seine Jünger sagten zu ihm: In Israel haben vierundzwanzig Propheten gesprochen, und alle sprechen durch dich. Er antwortete: So wendet ihr euch von mir „dem Lebendigen“ ab, und redet stattdessen von den Toten.

Wer war Jesus? Für wen hielten ihn seine Jünger eigentlich? Jesus selbst stellt seinen Jüngern diese Frage und bekommt die Vorstellungen der damaligen Zeit genannt. Ein Prophet sei er, vielleicht der wiedergeborene Jeremias, vermutlich der letzte einer langen Reihe von Propheten und er erklärt die Worte der „Alten“ eben noch einmal! Aber weit gefehlt! Jesus bringt etwas völlig Neues! Sein Wesen, seine Art, sein Denken und seine Botschaft sind nicht einfach die „Verlängerung“ der Prophetenlinie sondern sind das Wort des lebendigen Gottes! Er ist im „Namen“ seines Vaters auf der Erde und man kann sein Auftreten nur als Erfüllung der Prophezeiungen, nicht aber als deren Wiederholung oder Fortschreibung sehen. Das verhält sich dieses Mal übrigens ganz ähnlich, denn das was die „Alten“ erwarten bringt er ganz sicher nicht, sondern etwas ganz Neues das man nicht aus den Lehren der Toten ableiten kann!

053) Seine Jünger fragten ihn: Ist die Beschneidung nützlich oder nicht? Er aber sprach zu ihnen: Wäre sie nützlich, dann würden Männer von ihrem Vater schon im Mutterleib beschnitten gezeugt.

Diese Aussage braucht man nicht zu deuten denn sie ist uneingeschränkt richtig und unmissverständlich! Es schmerzt wenn man die Diskussionen der „Priester und Schriftgelehrten“ über Themen wie diese anhören muss. Welcher Irrsinn treibt Menschen zu Handlungen wider den natürlichen Verstand? Was für eine Schuld lastet auf diesen „Sachverwaltern religiöser Unlogik“ wenn sie Menschen Verhaltensarten vorschreiben die widernatürlich sind?! Sie werfen Lasten und Schuldgefühle auf die Menschen um diese gefügig und demütig zu machen, zwingen ihnen Vorstellungen auf, die diesen das klare Denken verbieten und erdreisten sich über den Lebenswandel anderer Menschen zu urteilen obwohl erkennbar ist, dass sie wie die Schmarotzer von diesen Menschen leben. Was immer gegen den „gesunden Menschenverstand“ gerichtet ist kann niemals von Gott gewollt sein und so sollten wir alle nach einem „gesunden Geist“ streben und dann danach leben!

054) Jesus: Selig ihr Armen! Denn euch gehört das Himmelreich.

Dieser Satz hat es mächtig in sich, man könnte ihn als die Essenz der Bergpredigt bezeichnen. Er stellt scheinbar radikal das Wertesystem, den Maßstab des Alltäglichen, auf den Kopf und verlangt etwas das gänzlich widersprüchlich zu sein scheint. Denn wenn nur den „Armen“ das Himmelreich gehört haben alle anderen Menschen wohl keinen Anteil, werden so radikal davon ausgeschlossen, dass es scheinbar sinnlos ist überhaupt danach zu streben. Strebt aber nicht jeder Mensch auch nach irdischem Glück und auch nach irdischem Wohlstand? Kann es irgendeinen Sinn  machen sich die Reichtümer unserer Schöpfung zu versagen? Wohl kaum!

Darum muss man für diesen Spruch zwar einen „geistigen Erklärungsansatz“ finden dabei aber nicht auf die häufig verwiesene „geistige Armut“ ausweichen, die durchaus fragwürdige Lebensformen hervorbringen kann. Um die hier gemeinte „Armut“ überhaupt verstehen zu können und um den damit verbundenen Gefühls- und Bewusstseinsstand in sich selbst fühlen zu können muss man nämlich die „Erfahrung des Armwerdens“ selbst gemacht haben. Diese „Erfahrung des Armwerdens“ gewinnt man aber nur auf dem „Pfad zur Erlösung/Erleuchtung“, ja man kann ohne die Erfahrung des Weisheitsweges den Spruch weder verstehen noch in seinem eigenen Leben umsetzen! Nach dem Durchschreiten der 2. inneren Tür, dem Moment an dem „die Frau am Himmel“ sichtbar wird, beginnt ein weiterer langer Prozess innerer „Reinigung“ und dabei lernt man Schritt für Schritt von allen (!!) Be-Gier-den Abstand zu nehmen, buchstäblich alles loszulassen, jede noch so kleine Habgier, aber auch Ideologien oder Religionsdogmen zu überwinden. Das Spektrum dessen was Menschen dabei loslassen müssen ist so groß wie es unterschiedliche Menschen gibt. Jeder bekommt dabei das Gefühl, dass man etwas „weggenommen“ bekommt, dass man vom vermeintlichen „Reichtum“ entäußert wird, dass man „arm“ wird. Tatsächlich ist das bei vielen Menschen auch mit der Überwindung der Gier nach Geld verbunden und das Wort „arm“ wird von uns meistens mit „fehlendem Geld“ assoziiert, aber das Spektrum möglicher Begierden ist viel größer, das Gefühl jedoch, dass das Loslassen „arm“ macht ist praktisch gleich. Der Grad des Festhaltens ist entscheidend für das Maß der Schmerzen und es kann notwendig sein, dass ein „armer Schlucker“ auch noch seinen letzten Groschen hergeben muss um das „Loslassen“ von der Geldgier zu lernen, während mancher Wohlhabende kaum einen Pfennig verliert, denn die Gier nach Besitz war nie ein Problem für ihn. Die äußeren, realen Umstände können daher davon betroffen sein, müssen es aber nicht, denn es geht nicht um das Geld oder sonst einer „begehrlichen Sache“, sondern allein um die Gier danach! Gott ersetzt  uns zudem alles zuvor Verlorene durch Seinen Reichtum, Er gönnt uns jedes erdenkliche Glück und jeden Wohlstand in Fülle, Er mag nur nicht, dass wir unser Leben aus lauter Gier danach verlieren! Hat man den Spruch von Jesus daher „verstanden“, hat man in diese „Armut“ gefunden, dann steht man tatsächlich im Himmelreich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

055) Jesus erklärte: Wer Vater und Mutter nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer Brüder und Schwestern nicht hasst und sein Kreuz trägt wie ich, der ist meiner nicht wert.

Wieder einmal verwendet Jesus ausgesprochen schroffe Worte um auf einen psychologisch notwendigen Vorgang aufmerksam zu machen. Um ihm zu folgen muss man sich nämlich innerlich und äußerlich vom Einfluss der Eltern befreien und das war zu allen Zeiten schon ein schmerzhafter Prozess bei dem man Vater und Mutter aus ganzem Herzen „hassen“ lernt. Es handelt sich dabei aber vor allem um deren Projektionen im eigenen Über-Ich, dort muss man sie regelrecht „töten“ um zur Freiheit zu gelangen. Der Einfluss der Geschwister ist meist nicht ganz so stark, aber auch von deren Beeinflussung muss man sich durch radikale Abwendung erst einmal lösen um den Weg zu sich selbst überhaupt schaffen zu können. Man muss dabei den „Gruppengeist“ in dem man aufgewachsen ist und der sich aus dem gesamten sozialen Umfeld zusammensetzt verlassen um frei zu werden. Das Kreuz ist nicht eigentlich das Leid sondern die Kraftanstrengung die es bedarf den Weg zur Reinheit zu gehen. Das Satzende: „der ist meiner nicht wert“ sollte man aber besser durch: „der kann mir nicht gleich werden“ ersetzen, denn so hat Jesus das wohl gemeint!

056) Jesus: Wer die Welt erkannt hat, der hat eine Leiche gefunden, und wer die Leiche findet, der steht der Welt vor.

Kurz und knapp: Der Zustand der Welt entspricht der einer Leiche! Sie ist tot, die Menschen leben gar nicht sondern hausen in Gräbern. Wer zur Weisheit gefunden hat, der hat das auch erkannt, der sieht, dass die Welt eine Leiche ist und er ist darüber erhaben!

057) Jesus: Mit dem Reich des Vaters ist es wie bei einem Mann, der Korn säte. In der Nacht kam sein Feind und säte Unkraut unter das Korn. Aber der Mann ließ niemand das Unkraut ausreißen. Er sagte zu seinen Leuten: Dass ihr mir ja nicht hingeht und das Unkraut jätet! Mit ihm würdet ihr den Weizen ausreißen. Erst am Tag der Ernte ist das Unkraut gut zu erkennen. Und dann wird es ausgerissen und verbrannt.

Dieses Gleichnis ist vor allem deswegen so schwer zu verstehen, weil der „heutige Christ“ unter dem Unkraut etwas völlig anderes meint als Jesus. „Böse Menschen“ sollte man doch wie „kranke Tiere“ aus der Herde nehmen damit nicht alle davon befallen werden! Das ist die Logik der „Selbstgerechten“ aller Tage und genau darum handeln sie auch so. Es sind aber besonders diese Art der „Selbstgerechten“, der „Gottesbesitzer“ die Jesus mit Unkraut meint, nicht die armen Schlucker, die Diebe und Verbrecher, die Huren und Zöllner! Nein, diese Menschen sind in Jesu Augen immer nur die Gequälten, die, die von den „Selbstgerechten“ verurteilt werden, nicht ahnend, dass sie es selbst sind die den Menschen die Erde zur Hölle machen. Wartet nur Freundchen, ihr werdet euren Lohn schon erhalten denn Gott lässt zwar alle Menschen ohne zu strafen in ihrer Art leben, aber ihrer Läuterung im „Gericht“ entgehen sie nicht!

058) Jesus: Selig der Mensch, der gelitten hat! Er hat das Leben gefunden.

Gerade diesen Satz darf man auf keinen Fall auf die Außenebene beziehen also auf reales Leid, weder körperlich noch psychisch, denn dann wäre das Leid ja eine begrüßenswerte Sache, müsste man ja regelrecht danach suchen, oder man könnte sich doch wenigstens das Leid das man anderen zugefügt hat schönreden. Unsinn, absoluter Unsinn! Sicherlich können schmerzhafte Erlebnisse eine Reifung der Persönlichkeit bewirken, aber dieser Spruch zielt erneut auf eine gänzlich andere Ebene. Auf dem Weg zur Reinheit – nach dem Erkennen der „Frau am Himmel“ – wird man durch viele Schmelzbäder geführt, muss ganz erhebliche seelische Schmerzen ertragen, denn die Wunden und Sünden der Vergangenheit können nur unter großen Anstrengungen überwunden werden. Dieses Leid ist zur Heilung der Seele aber unvermeidbar und wer es durchgestanden hat erntet ein Leben in Reinheit und Glück!

059) Jesus: Schaut nach dem Lebendigen aus, während ihr lebt! Sonst sucht ihr ihn, wenn ihr sterbt, und könnt ihn nicht sehen.

Gott ist ein lebendiger Gott, Er lebt und wirkt für die Lebenden. Man sollte daher während der Blütezeit des eigenen Lebens nach Ihm suchen um das Leben mit Ihm zusammen leben zu können. Ist man erst einmal an der Grenze zum Tod angekommen, ist es meist zu spät, so sehr man ihn auch gerne sehen würde bleibt Er dann aber verborgen.