Archiv der Kategorie: D – Thomasevangelium

060) Da war einer aus Samarien, der ein Lamm trug und nach Judäa ging. Jesus fragte nun seine Schüler: Was will der mit dem Lamm? Sie antworteten ihm: Es schlachten und essen. Er aber entgegnete ihnen: Solange es lebt, wird er es nicht essen. Doch erst dann, wenn er es tötet, und es eine Leiche geworden ist. Und sie sagten: Anders wird er es nicht machen können! Daraufhin sprach er zu ihnen: Sucht auch ihr einen Ort, um auszuruhen, damit ihr keine Leichname werdet, und man euch isst! 

Es ist eigentlich eher eine nette Randbegebenheit die Thomas da festgehalten hat, zeigt aber auf wie unterschiedlich Jesus und seine Schüler die Umwelt wahrnehmen. Die Schüler sehen einzig die reale Szene, Jesus dagegen erkennt auch eine Symbolik darin. Die Schüler sehen einen Mann ein Lamm tragend und denken ans Schlachten und Essen. Jesus dagegen sieht, dass der Mann das Lamm trägt und solange er es trägt wird er es weder töten noch essen und sieht dabei die Parallele, weiß, dass Gott uns alle trägt, von Anbeginn bis ans Ende aller Zeiten und wer sich dessen bewusst ist, der weiß, dass er auch bis dorthin leben wird. In Gottes Obhut wird niemand geschlachtet und gegessen. Diesen Ort, dieses lebendige Bewusstsein sollen seine Schüler finden und nicht als Tote leben.

061) Jesus: Zwei ruhen auf einem Bett. Einer wird sterben, der andere leben. Da fragte Salome: Woher hast du das? Was bist du für ein Mensch! Du hast auf meinem Bett gelegen und von meinem Tisch gegessen. Ihr antwortete Jesus: Mein Leben stammt aus dem Licht; was meinem Vater gehört, davon ist mir gegeben. Da sagte Salome: Ich bin deine Schülerin. Deswegen sage ich: Wer leer ist, den erfüllt Licht. Ist einer aber in sich gespalten, dann füllt ihn Dunkelheit. 

Wieder einmal macht Jesus hier auf die Absolutheit seiner Botschaft aufmerksam. Nur wer ihm ins Licht folgt wird leben, der andere sterben! Salome ist empört, sie meint ihn schon seit je her zu kennen und raunzt ihn ob dieser Aussagen an. Jesus erklärt erneut, dass sein inneres Licht, seine Weisheit, sein Wesen direkt vom Vater stammt und er eben nicht mehr der junge Mann ist, den Salome zu kennen glaubt. Offensichtlich ist, dass Jesus und nicht Salome die beiden abschließenden Sätze sagt: „Deswegen sage ich: Wer leer ist, den erfüllt Licht. Ist einer aber in sich gespalten, dann füllt ihn Dunkelheit.“, denn diese Weisheit kann Salome zu diesem Zeitpunkt – vor Ostern – gar nicht gehabt haben. Jesus erklärt nämlich, dass man sich „leeren“ muss, dass man innerlich rein werden muss damit das Licht eindringen kann. Gelingt das nicht, bleibt man in der Dunkelheit! Licht und innere Reinheit bedingen einander. Mit jedem Schritt zur inneren Reinheit wird das Licht stärker und mit dem stärkeren Licht wird die Geschlossenheit der Persönlichkeit größer. Zwei große Schritte öffnen das Bewusstsein für das Licht, aber viele kleine Schritte sind noch zu gehen um jeden Winkel der eigenen Seele mit Licht zu erhellen!

062) Jesus sprach: Ich teile meine Geheimnisse mit denen, denen ich sie mitteile. Was deine Rechte tut, soll deine Linke nicht erkennen können.

Wahrscheinlich antwortet Jesus hier auf eine Frage und zwar genauso so wie ich ihn mir vorstelle: „Ich mache grad was ich will!“ antwortet er recht deutlich und in der Fortsetzung erklärt er auch warum er das so hält. Jesus handelt nämlich zuerst einmal mit seiner „rechten Seite“, der Emotionalität, und die eigene „linke Seite“, die Rationalität, muss dabei nicht alles und jedes wissen. „Handelt aus dem Herzen wie ich das tue und versucht nicht alles und jedes mit dem Verstand zu hinterfragen!“ wollte er wohl sagen. Damit wird keiner „Kopflosigkeit“ das Wort geredet sondern den Gefühlen das Primat erteilt. Hat man zur inneren Einheit gefunden wird man zudem erkennen, dass die „Rechte“ und die „Linke“ im Gleichtakt schlagen.

063) Jesus: Es war einmal ein reicher Mann, der viel besaß. Der plante: Ich will mein Vermögen einsetzen, um zu säen und zu pflanzen, zu ernten und meine Speicher zu füllen mit Früchten, auf dass mir nichts fehle. So dachte er in seinem Herzen und starb noch in der gleichen Nacht. Wer Ohren hat, der höre.

Jesus sagte an anderer Stelle einmal: „Ihr aber kümmert euch allein um das Reich Gottes, alles andere wird euch dazugegeben!“ Dieser reiche Mann aber macht es genau umgekehrt und da er vor lauter „säen – pflanzen – ernten“ nicht dazu kommt sich um das Reich Gottes zu kümmern wird er eines nachts sterben ohne es gefunden zu haben. Wo immer man auch hinschaut kümmern  sich die Menschen aus vermeintlicher Sorgfaltspflicht um alle nur denkbaren Belange der Welt, meist um die Mehrung des eigenen Vermögens, nur eben nicht um ihr Seelenheil durch das alleine aber das Reich Gottes auf Erden zu errichten wäre. In den Augen von Jesus zählen aber alle noch so „vernünftigen“ Argumente rein gar nichts, es gibt keinen Grund zur Verzögerung und keinen Zeitpunkt der nicht für einen Aufbruch zu Gott geeignet wäre. „Kehrt also um, alles andere ist vergebens!“ will er uns wohl sagen.

064) Jesus: Ein Mann hatte Gäste, und als das Abendessen zubereitet war, schickte er seinen Diener, um die Gäste zu holen. Der Diener ging zum ersten und sagte: Mein Herr hat dich eingeladen. Der erwiderte: Ich habe Geld bei Kaufleuten. Heute am Abend kommen sie zu mir, und ich will ihnen Aufträge geben. Ich bitte, mich beim Essen zu entschuldigen. Er ging zu einem anderen und sagte: Mein Herr hat dich eingeladen. Der erwiderte: Ich habe ein Haus gekauft. Da werde ich heute gebraucht. Leider habe ich keine Zeit. Er ging zu einem anderen und sagte: Mein Herr hat dich eingeladen. Der erwiderte: Mein Freund heiratet, und ich richte das Hochzeitsmahl aus. Ich kann nicht kommen und bitte, mich zu entschuldigen. Er ging zu einem anderen und sagte: Mein Herr hat dich eingeladen. Der erwiderte: Ich habe ein Dorf gekauft und will die Pacht abholen. Ich kann nicht kommen und bitte, mich zu entschuldigen. Der Diener kam zurück und berichtete seinem Herrn: Die Gäste, die du zum Essen eingeladen hast, lassen sich entschuldigen. Der Herr aber sprach zu seinem Diener: Geh hinaus auf die Straßen! Hol herein zum Abendessen, die du triffst! Für die Käufer und die Verkäufer sind keine Plätze frei im Haus meines Vaters. 

In diesem Gleichnis wiederholt Jesus seine Position, dass es vor Gott keinen Grund und keine Rechtfertigung gibt, die Einladung zum „Abendessen mit Gott“ abzulehnen. Gott ruft natürlich im Inneren des Menschen und es bedarf eines Moments des Stillstandes um zu Ihm umzukehren, aber all das hat Gott in Seinen Plänen längst berücksichtigt und niemandem geht etwas verloren wenn er dem Ruf Gottes Folge leistet. Aber die „Käufer und Verkäufer“ wähnen sich ja so wichtig und geschäftig, dass sie den Ruf entweder nicht hören oder ihm nicht folgen wollen und daher wird die Einladung Gottes meist von denen angenommen die eher „arm“ sind, keinen Geschäften nachjagen, deren Leben nicht nach der Maxime von Kauf und Verkauf verläuft. Die anderen bleiben eben so lange außen vor, bis sie das verstanden haben.

065) Jesus: Ein gütiger Mann besaß einen Weinberg. Den gab er Arbeitern, um im Weinberg zu arbeiten und die Ernte einzubringen. Er schickte einen Knecht, um den Ertrag des Weinbergs abzuholen. Sie aber packten den Knecht und schlugen ihn beinah tot. Der Knecht lief davon und berichtete seinem Herrn. Der Herr dachte: Vielleicht haben sie ihn nicht gekannt. Er schickte einen anderen Knecht, und die Arbeiter schlugen auch ihn. So sandte er seinen Sohn und dachte: Meinen Sohn werden sie wohl respektieren. Als die Arbeiter aber den Erben des Weinbergs erkannten, da packten sie ihn und schlugen ihn tot. Wer Ohren hat, der höre.

Dieses Gleichnis ist aus den kanonischen Evangelien bekannt und leicht verständlich. Wann immer auf der Welt ein „Knecht Gottes“ auftauchte und den Menschen Kunde von Gott überbrachte fühlten sich die Machthaber und Etablierten in ihrer Existenz bedroht, fühlten sich angeprangert und in ihrer Ruhe gestört. Und immer reagieren die Menschen nach dem gleichen Muster: „Der Mann muss weg! Der Mann muss weg, koste es was es wolle!“ Jesus wusste das nur zu gut und es dürfte ihm schwer auf der Seele gelegen haben, dass ihm dieses Schicksal auch blühen würde.

066) Jesus: Zeigt mir den Stein, den die Bauleute verworfen haben. Er ist der Eckstein.

Dieser Spruch ist ein Zitat des Psalms 118, 22 und so dürfte er ebenso in die Zukunft weisend gemeint sein wie er es schon zu Davids Zeiten war. Da man ihn auf das Auftreten von Jesus vor 2000 Jahren nicht sinnvoll anwenden kann sollten wir in der Jetzt-Zeit Ausschau danach halten ob dieser Spruch – wörtlich oder symbolisch – irgendwo auf Jesus, der wohl mit dem Stein gemeint ist, anwendbar ist. Vermutlich können wir das aber erst dann wenn wir den Verlauf der Geschichte auch alle erkennen können, denn vieles findet bei seiner diesmaligen Wiederkehr ja im emotionalen Raum der beteiligten Personen statt und ist von „außen“ gar nicht sichtbar!

067) Jesus: Wenn einer das All erkennt, aber sich selbst nicht, so verfehlt er alles.

Mit diesem Spruch macht Jesus auf den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit aufmerksam, denn Weisheit stellt sich nur auf dem Weg zu sich selbst ein, während alles angelesene Wissen der Welt schlicht und ergreifend ohne Wert ist wenn dieser Weg nicht begangen wird. Auch auf diesem Weg zu sich selbst kann es vorkommen, dass man vor anderen bereits als „weise“ auftritt aber auch das ist solange nur Stückwerk bis die Reinheit der Person erreicht ist. Letzten Endes zeigt sich Weisheit nur noch in der Menschlichkeit einer Person, die zudem gar keine „weisen Worte“ mehr benutzt.

068) Jesus: Selig ihr, die man hassen und verfolgen wird! Denn dort wo man euch verfolgt, ist kein Ort euch zu finden.

Dies ist ein weiterer Spruch den wir aus den Seligpreisungen der Bergpredigt des Matthäusevangeliums kennen und auch für diesen gibt es keine logische Interpretationsmöglichkeit außerhalb des Erfahrungsbereiches des Erleuchtungspfades, denn reale Verfolgungen machen nicht selig oder gar glücklich! Auf dem Weg zur inneren Reinheit aber, kurz nachdem man die „Frau am Himmel“ erkannt hat, beginnt dagegen ein ganz schmerzhafter Abschnitt. Man wird durch das Böse verfolgt, man wird von den Menschen ausgestoßen und die Fügungen bekommen einen ausgesprochen gehässigen Charakter. Das Böse versucht mit allen Mitteln den weiteren Gang zu stoppen. Selig wer dies durchlitten hat, denn durch diesen Glutofen muss ein jeder hindurch der das Reich Gottes finden will und auch wenn es sich für den Betroffenen offensichtlich so verhält können andere Menschen das nicht erkennen, sie können in diesen Bereich weder folgen noch jemanden finden. Sie leben in einer anderen Bewusstseinsstufe und sind damit Teil der vom Bösen beherrschten Welt.

069) Jesus: Selig sind, die in ihrem Herzen verfolgt werden. Denn sie sind es, die den Vater in Wahrheit erkannt haben. Selig ihr Hungrigen! Denn den Bauch dessen, der will, wird man füllen.

Auch diesen Spruch kann man nur begreifen wenn man die „Verfolgung durch den Widersacher“ im Herzen erlebt hat. Bis an die Grenzen des Verstandes kann man dabei geraten aber unter diesem Druck öffnet sich der Geist immer weiter, man lernt die „Unterscheidung der Geister“ und erkennt den Vater in Wahrheit, d.h. man erkennt sein wahres Wesen das zuvor durch den Widersacher verfälscht erschien und dessen Wirken man ab dieser Phase vom Wirken Gottes unterscheiden kann. Die Seele dürstet von nun an nur noch mehr nach dem Vater, der Hunger nach Seiner Nähe treibt uns immer weiter zu Ihm und wird von Ihm auch gestillt!